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Die Beurteilung und intellektuelle Wertschätzung Stephan Hermlins
durch Zeitgenossen und Kenner seines Werkes ist zwiespältig und
schwankt zwischen persönlicher Bewunderung auf der einen und unverhohlener
Ablehnung auf der anderen Seite. Er wird dargestellt als "literarisch
kenntnisreicher Essayist und Kritiker, als Vermittler französischer
und südamerikanischer Dichtung und nicht zuletzt auch als Poet,
der die erlesene sprachliche Gebärde liebt und beherrscht..."
oder als "sozialistischer Grandseigneur" . Auf der Gegenposition
stehen Bemerkungen über seine angebliche "Kälte" und "Unnahbarkeit";
Schmähschriften, er hätte "einen tüchtigen Beitrag zur Verfälschung
der Wirklichkeit geleistet" (wie soll man das eigentlich bewerkstelligen?),
sei "Propagandist eines verbrecherischen Systems" oder er wird
als "pfeiferauchende Sphinx" bezeichnet, welche die "Kunst der
Insinuation" wie keine zweite beherrsche. Diese Ambivalenz wurde
insbesondere im Streit um die Biographie Karl Corinos deutlich.
Die heftig geführte Debatte, die teilweise ein erschreckend niedriges
Niveau erreichte, schied Freund und Feind Hermlins deutlich. Nicht
zuletzt zeugen markante Fehlstellen von der "Dimension des Autors".
Es gibt beispielsweise in den veröffentlichten Gedichten Hermlins
kein dezidiertes Liebesgedicht. Elemente des Komischen sind in
seinem Werk nicht präsent. Seine Reden, (veröffentlichten) Interviews
und Essays sind von einer konzentrierten Ernsthaftigkeit, die
nur wenig Raum für Anekdotisches, Abschweifendes lassen.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Autor und Werk erfolgte
bislang in einem überschaubaren Rahmen. Einige der Arbeiten gehen
unter einem jeweils besonderen Fokus gattungsbezogen vor (Ertl,
Sobotka, Ohlerich ), versuchen eine Generalisierung (Werner),
untersuchen Aspekte der Rezeptionsgeschichte (Ende) oder nähern
sich dem Autor biographisch (Schlenstedt, Corino). Es fehlen mithin
neue Forschungen über diese zentrale Figur in der DDR-Kultur,
insbesondere dezidierte Analysen über Hermlins offizielles wie
inoffizielles kulturpolitisches Wirken, eine systematische Erschließung
seines Nachlasses, textkritische Analysen neueren Datums ebenso
wie rezeptionsgeschichtliche Arbeiten.
In diesem Zusammenhange sind die widersprüchlichen Angaben über
die Biographie Hermlins bemerkenswert. Weder Schlenstedt noch
Corino genügen hierbei wissenschaftlichen Standards. Die Biographie
Schlenstedts, die wohl eher eine Werk-Monographie genannt werden
muß, nähert sich Hermlin vornehmlich politisch-ideologisch. Mit
dem Ende des Bezugssystem ist jedoch diese Biographie selbst historisch
geworden. Corino wiederum blickt ebenfalls durch eine (wenn auch
anders gefärbte) ideologische Brille auf seinen Untersuchungsgegenstand.
Durch die Gleichbehandlung ästhetischen und dokumentarischen Materials
und der recht tendenziösen Heranziehung subjektiv gefärbter Quellen
läßt er sich zu menschlich desavouierenden Passagen hinreißen,
die weder Hermlin noch dem Begriff Biographie gerecht werden.
letzte Pflege: 26.10.2008 (Ergänzung eines Literaturhinweises)
Website über Goethe und Napoleon
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