| Startseite | Quellen | Gedichte | Sekundärliteratur | Kontakt |
Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät"
Der fünfte Mai (Ode von Alexander Manzoni, übersetzt von Goethe)
Sieht man den schönsten Stern die Nacht erhellen,
So wird das Auge wie das Herz erquickt;
Doch wenn in seltnen, langersehnten Fällen
Ein herrliches Gestirn zum andern rückt,
Die nahverwandten Strahlen sich gesellen,
Dann weilt ein jeder schauend, hochentzückt;
So unser Blick, wie er hinauf sich wendet,
Wird vom Verein der Majestät geblendet.
Wir denken noch, wie sie hinweggezogen,
Der Eltern Lust, die holde Friedensbraut;
Schon beugten sich des Rheines edle Wogen,
Die beiden Ufer lächelten vertraut;
So freut die Erde sich am Himmelsbogen,
Von farbigen Juwelen aufgebaut,
Der, wenn er schon vor unsern Augen schwindet,
Den Freiden sichert, den er angekündet.
Im neuen Reich empfängt sie das Behagen
Von Millionen, die aus düstrer Nacht
Aufschauen wieder zu gesunden Tagen,
Zum festen Leben abermals erwacht.
Ein jeder fühlt sein Herz gesichert schlagen
Und staunet nun, denn alles ist vollbracht,
Die holde Braut in lebensreichem Scheine -
Was Tausende verwirrten, löst der eine.
Worüber trüb Jahrhunderte gesonnen,
Er übersieht's in hellstem Geisteslicht,
Das Kleinliche ist alles weggeronnen,
Nur Meer und Erde haben hier Gewicht;
Ist jenem erst das Ufer abgewonnen,
Daß sich daran die stolze Woge bricht,
So tritt durch weisen Schluß, durch Machtgefechte
Das feste Land in alle seine Rechte.
Und wenn dem Helden alles zwar gelungen,
Den das Geschick zum Günstling auserwählt
Und ihm vor allen alles aufgedrungen,
Was die Geschichte jemals aufgezählt,
Ja reichlicher, als Dichter je gesungen! -
Ihm hat bis jetzt das Höchste noch gefehlt;
Nun steht das Reich gesichert wie geründet,
Nun fühlt er froh im Sohne sich gegründet.
Und daß auch diesem eigne Hoheit gnüge,
Ist Roma selbst zur Wächterin bestellt.
Die Göttin, hehr an ihres Königs Wiege,
Denkt abermal das Schicksal einer Welt.
Was sind hier die Trophäen aller Siege,
Wo sich der Vater in dem Sohn gefällt?
Zusammen werden sie des Glücks genießen,
Mit milder Hand den Janustempel schließen.
Sie, die zum Vorzug einst als Braut gelanget,
Vermittlerin nach Götterart zu sein,
Als Mutter, die, den Sohn im Arme, pranget,
Befördre neuen, dauernden Verein;
Sie kläre, wenn die Welt im Düstern banget,
Den Himmel auf zu ew'gem Sonnenschein!
Uns sei durch sie dies letzte Glück beschieden -
Der alles wollen kann, will auch den Frieden.
Der fünfte Mai
Ode von Alexander Manzoni (übersetzt von Goethe)
Er war - und, wie, bewegungslos,
Nach letztem Hauche-Seufzer
Die Hülle lag, uneingedenk,
Verwaist von solchem Geiste;
So tief getroffen, starr erstaunt,
Die Erde steht der Botschaft.
Stumm, sinnen nach der letztesten
Stunde des Schreckensmannes,
Sie wüßte nicht ob solcherlei
Fußtapfen Menschenfußes
Nochmals den blutgefärbten Staub
Zu stempeln sich erkühnten.
Ihn wetterstrahlend auf dem Thron
Erblickte die Muse schweigend,
Sodann, im Wechsel immerfort
Ihn fallen, steigen, liegen;
Zu tausend Stimmen Klang und Ruf
Vermischte sie nicht die Ihre.
Jungfräulich, keiner Schmeichelei
Noch frevler Schmähung schuldig,
Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt,
Da solche Strahlen schwinden,
Die Urne kränzend mit Gesang
Der wohl nicht sterben möchte.
Zu Pyramiden von Alpen her,
Vom Manzanar zum Rheine,
Des sichern Blitzes Wetterschlag
Aus leuchtenden Donnerwolken,
Er traf von Scylla zum Tanais,
Von einem zum andern Meere.
Mit wahrem Ruhm? - Die künft'ge Welt
Entscheide dies! Wir beugen uns,
Die Stirne tief, dem Mächtigsten,
Erschaffenden, der sich einmal
Von allgewalt'ger Geisteskraft
Grenzlose Spur beliebte.
Das stürmische, doch bebende
Erfreun an großen Planen,
Die Angst des Herzens das ungezähmt,
Dienend nach dem Reiche gelüstet
Und es erlangt zum höchsten Lohn,
Den's törig war zu hoffen.
Das ward ihm all: der Ehrenruhm
Vergrößert nach Gefahren,
Sodann die Flucht, und wieder Sieg,
Kaiserpalast, Verbannung;
Zweimal zum Staub zurückgedrängt
Und zweimal auf dem Altar.
Er trat hervor: gespaltne Welt
Bewaffnet gegen einander,
Ergeben wandte sich zu ihm
Als lauschten sie dem Schicksal;
Gebietend Schweigen, Schiedesmann
Setzt' er sich mitten inne.
Verschwand! - Die Tage Müßiggangs
Verschlossen im engen Raume
Zeugen von grenzenlosem Neid
Und tiefem frommen Gefühle,
Von unauslöschlichem Haß zugleich
Und unbezwungener Liebe.
Wie übers Haupt Schiffbrüchigem
Die Welle sich wälzt und lastet,
Die Welle die den Armen erst
Emporhob, vorwärts rollte,
Daß er entfernte Gegenden
Umsonst zuletzt erblickte.
So ward's dem Geist, der wogenhaft
Hinauf stieg in der Erinn'rung.
Ach! wie so oft den Künftigen
Wollt' er sich selbst erzählen,
Und kraftlos auf das ewige Blatt
Sank die ermüdete Hand hin.
O! wie so oft beim schweigsamen
Sterben des Tags, des leeren,
Gesenkt den blitzenden Augenstrahl,
Die Arme übergefaltet,
Stand er, von Tagen vergangnen
Bestürmt ihn die Erinn'rung.
Da schaut er die beweglichen
Zelten, durchwimmelte Täler,
Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuß,
Die Welle reitender Männer,
Die aufgeregteste Herrscherschaft
Und das allerschnellst Gehorchen.
Ach! bei so schrecklichem Schmerzgefühl
Sank ihm der entamtete Busen,
Und er verzweifelte! - Nein, die Kraft
Der ewigen Hand von oben
In Lüfte leichter atembar
Liebherzig trug ihn hinüber.
Und leitet ihn auf blühende
Fußpfade die hoffnungsreichen,
Zu ewigen Feldern, zum höchsten Lohn
Der alle Begierden beschämet;
Er sieht, wie auf Schweigen und Finsternis,
Auf den Ruhm den er durchdrungen.
Schönste, unsterblich wohltätige
Glaubenskraft, immer triumphend!
Sprich es aus! erfreue dich
Daß stolzer-höheres Wesen
Sich dem berüchtigten Golgata
Wohl niemals niedergebeugt hat.
Und also von müder Asche denn
Entferne jedes widrige Wort,
Der Gott der niederdrückt und hebt,
Der Leiden fügt und Tröstung auch,
Auf der verlaßnen Lagerstatt
Ihm ja zur Seite sich fügte.
nach oben