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Goethe und Napoleon


"Goethe hatte kein größeres Erlebnis, als jenes ens realissimum, das Napoleon heißt."
Nietzsche, Götzendämmerung

Aus dem Goethe-Wörterbuch

"Napoleon I. Bonaparte(1769-1821). G.s Verehrung für den französischen Kaiser (1804-1814/15) galt dem Überwinder der Französischen Revolution, dem Wiederhersteller der staatlichen Ordnung, dem Schöpfer des Code Napoléon und dem energischen Tatmenschen und schöpferischen Genie, dessen Neuordnung Europas er gegenüber der Kleinstaaten-Rivalität bevorzugte, aber auch der exemplarischen Verkörperung des Dämonischen, das, über Vernunft und Moral erhaben, für ihn den Charakter der schicksalhaften, unausweichlichen Notwendigkeit trug. Sie war unabhängig von der militärischen Situation und von politischen Wechselfällen und stand im Gegensatz zur Meinung seiner Umwelt einschließlich Carl Augusts, der im preußischen Lager stand, als Napoleon nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 15.-17.10.1806 im geplünderten Weimar im Schloß Quartier nahm und Herzogin Louise sich für die Erhaltung ihres Staates einsetzte. Einer ersten Begegnung mit Napoleon ging G. aus unklaren Beweggründen aus dem Wege, als er sich zu einer Audienz des Geheimen Consiliums bei Napoleon am 16.10.1806 mit Gesundheitsgründen entschuldigte (an Voigt 16.10.1806). Beim zweiten Aufenthalt Napoleons in Weimar am 23.7.1807 war G. in Karlsbad. G.s spätere Haltung zu Napoleon war mit beeinflußt durch die persönliche Audienz bei ihm in Anwesenheit Talleyrands, Darus u.a. am 2.10.1808 im Schloß von Erfurt, wo G. auf Wunsch Carl Augusts am 29.9.-4.10. zum Erfurter Fürstenkongreß weilte. G.s Bericht über die Unterredung mit Napoleon, erst am 15.2.1824 auf Drängen des Kanzlers von Müller aufgezeichnet, weicht nur in Details von den Darstellungen Außenstehender ab. Die Audienz galt nicht dem Staatsminister, sondern dem Dichter; Napoleon sagte ihm einige schmeichelhafte Worte über Die Leiden des jungen Werthers, die er kannte, und nannte "eine gewisse Stelle" darin, die G. jedoch nie bezeichnete, mit G.s Zustimmung "nicht naturgemäß". Napoleons Anfangsworte "Vous êtes un homme" (nach F. von Müllers Erinnerungen waren es die Abschiedsworte "Voilà un homme") werden vielfach als ein "Ecce homo" überbewertet und verstehen sich wohl als "ein wirklicher (stattlicher, bedeutender, interessante) Mann". Eine weitere Begegnung fand am 6.10.1808 beim Hofball in Weimar statt; dort forderte Napoleon nach der Aufführung von Voltaires La mort de César G. auf, nach Paris zu kommen und einer verherrlichende Cäsar-Tragödie zu schreiben. Jedenfalls fühlte sich G. durch die Audienz und das am 14.10.1808 verliehene Kreuz der Ehrenlegion hoch geehrt. Weitere Berührungen blieben folgenlos: bei der Flucht aus Rußland kam Napoleon am 15.12.1812 nachts durch Weimar und ließ G. Grüße ausrichten: bei seinem Aufenthalt am 28.4.1813 bei Carl August in Weimar war G. in Teplitz; am 13.8.1813 begegnete ihm zuletzt in Dresden. G.s spätere antinapoleonische Wendung in Des Epimenides Erwachen im Anschluß an die Freiheitskriege galt eher der Hybris des Ursupators als der uneingeschränkt verehrten Persönlichkeit Napoleons, mit dem sich G. zumal 1819 und 1829/30 bei der Lektüre von Memoiren und Geschichtswerken häufig befaßte."







Letzte Aktualisierung: 06.04.2006 (Seite Quellen: Zitat aus einem Artikel von Friedrich Dieckmann eingefügt)