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Goethe "Unterredung mit Napoleon"
Kanzler Müllers Bericht über die Begegnung in Erfurt 1806
Die Begegnung in Talleyrands Memoiren
Zeitgenössischer Stich der Begegnung (188kb)
Friedrich Dieckmann über "Faust II" und Napoleon
(...)
Trete ein.
Der Kaiser sitzt an einem großen runden Tische frühstückend; zu
seiner Rechten steht etwas entfernt vom Tische Talleyrand, zu
seiner Linken ziemlich nah Daru, mit dem er sich über die Kontributionsangelegenheiten
unterhält.
Der Kaiser winkt mir heranzukommen.
Ich bleibe in schicklicher Entfernung vor ihm stehen.
Nachdem er mich aufmerksam angeblickt, sagte er: "vous êtes un
homme." ich verbeuge mich.
Er fragt: wie alt seid ihr?
Sechzig Jahr.
Ihr habt euch gut erhalten -
Ihr habt Trauerspiele geschrieben.
Ich antwortete das Notwendigste.
(...)
Er (der Kaiser) wandte sodann das Gespräch auf den Werther, den
er durch und durch mochte studiert haben. Nach verschiedenen ganz
richtigen Beobachtungen bezeichnete er eine gewisse Stelle und
sagte: "warum habt ihr das getan? es ist nicht naturgemäß; " welches
er weitläufig und vollkommen richtig auseinander setzte.
Ich hörte ihm mit heiterem Gesichte zu und antwortete mit einem
vergnügten Lächeln daß ich zwar nicht wisse ob mir jemand denselben
Vorwurf gemacht habe; aber ich finde ihn ganz richtig und gestehe
daß an dieser Stelle etwas Unwahres nachzuweisen sei. Allein,
setzte ich hinzu, es wäre dem Dichter vielleicht zu verzeihen
wenn er sich eines nicht leicht zu entdeckenden Kunstgriffs bediene
um gewisse Wirkungen hervorzubringen, die er auf einem einfachen
natürlichen Wege nicht hätte erreichen können.
Der Kaiser schien damit zufrieden, kehrte zum Drama zurück und
machte sehr bedeutende Bemerkungen, wie einer der die tragische
Bühne mit der größten Aufmerksamkeit gleich einem Kriminalrichter
betrachtet, und dabei das Abweichen des französischen Theaters
von Natur und Wahrheit sehr lebhaft empfunden hatte.
So kam er auch auf die Schicksalsstücke die er mißbilligte. Sie
hätten einer dunklern Zeit angehört: Was, sagte er, will man jetzt
mit Schicksal, die Politik ist das Schicksal.
(...)
Der Kaiser stand auf, ging auf mich los und schnitt mich durch
eine Art Manöuvre von den übrigen Gliedern der Reihe ab in der
ich stand.
Indem er jenen den Rücken zukehrte und mit gemäßigter Stimme zu
mir sprach, fragte er: ob ich verheiratet sei, Kinder habe? und
was sonst persönliches zu interessieren pflegt. Eben so auch über
meine Verhältnisse zu dem Fürstlichen Hause, nach Herzogin Anna
Amalia, dem Fürsten, der Fürstin und sonst; ich antwortete ihm
auf eine natürliche Weise. Er schien zufrieden und übersetzte
sichs in seine Sprache, nur auf eine etwas entschiedenere Art
als ich mich hatte ausdrücken können.
Dabei muß ich überhaupt bemerken daß ich im ganzen Gespräch die
Mannigfaltigkeit seiner Beifallsäußerungen zu bewundern hatte;
denn selten hörte er unbeweglich zu, entweder er nickte nachdenklich
mit dem Kopfe oder sagte oui! oder gar c'est bien, oder dergl.
auch darf ich nicht vergessen zu bemerken, daß, wenn er ausgesprochen
hatte er gewöhnlich hinzufügte:
Qu'en dit Mr. Göt. (Was sagt Herr Goethe dazu?)
Und so nahm ich Gelegenheit bei dem Kammerherrn durch eine Gebärde
anzufragen ob ich mich beurlauben könne? die er erwiderte, und
ich dann ohne weiteres meinen Abschied nahm.
(..)
(MA 14, 577ff.)
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Die Darstellung von Kanzler Müller besitzt den Vorzug großer Unmittelbarkeit. Gleich nach der Audienz erfuhr Müller wichtige Einzelheiten direkt von Goethe. Seine Darstellung ist demnach besonders glaubwürdig und genau. Zur Entstehungsgeschichte äußerte er: "Ich hatte einmal während des Balles im Schloß zu Weimar Herrn von Talleyrand vermißt und fand ihn zuletzt am Ende einer langen Reihe von offenen Zimmern, die zu dem Schlafzimmer des Kaisers führten. Hier saß er einsam und nachdenkend auf einem Sofa und richtete alsbald den Wunsch an mich, daß ich ihm doch ein Mémoire über die Unterredungen des Kaisers mit Goethe und Wieland aufsetzen möchte, was ich abzulehnen suchte." |
Herr Goethe, ich bin erfreut, Sie zu sehen; begrüßte er ihn.
Sire, ich sehe, daß wenn Eure Majestät reisen, Sie nicht versäumen,
Ihre Blicke selbst auf die kleinsten Dinge zu richten.
Ich weiß, Sie sind der erste dramatische Dichter Deutschlands.
Sire, Sie beleidigen unser Land; wir glauben unsere großen Männer
zu haben: Schiller, Lessing und Wieland müssen Euer Majestät bekannt
sein.
Ich gestehe, daß ich sie nicht kenne. Ich habe jedoch den "Dreißigjährigen
Krieg" gelesen; dieses Werk, verzeihen Sie, schien mir nur dramatische
Sujets für unsere Boulevards zu liefern.
Sire, ich kenne Ihre Boulevards nicht, aber ich vermute, dass sich doch Szenen für das Volk abspielen.
Es schmerzt mich, Sie eins der herrlichsten Genies der Neuzeit so streng beurteilen zu hören.
Sie wohnen für gewöhnlich in Weimar; kommen dort nicht alle berühmten Schriftsteller von Deutschland zusammen.
Sire, sie werden dort sehr protegiert, aber augenblicklich haben wir von in ganz Europa bekannten Männern nur Wieland in Weimar, denn Müller wohnt in Berlin.
Ich würde mich sehr freuen, Herrn Wieland zu sehen.
Wenn Eure Majestät mir gestatten, ihm dies mitzuteilen, so bin sicher, dass er sofort hierher kommt.
Spricht er französisch?
Er versteht es und hat selbst französische übersetzungen seiner Werke korrigiert.
Während ihres Aufenthalts hier müssen Sie jeden Abend in unser Theater gehen. Es wird Ihnen nichts schaden, gute französische Tragödien aufführen zu sehen.
Sire, mit Vergnügen, denn ich muss Eurer Majestät gestehen, dass dies auch meine Absicht war. Ich habe einige französische Theaterstücke übersetzt, oder besser, nachgedichtet.
Welche?
"Mahomet" und "Tankred".
Ich will Rémusat fragen lassen, ob wir hier Schauspieler haben, die diese Rollen spielen können. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Stücke in unserer Sprache aufgeführt sehen könnten. Sie sind in den Regeln der dramatischen Kunst nicht so streng wie wir.
Sire, die Einheiten sind bei uns nicht so wesentlich.
Wie finden Sie unsern Aufenthalt hier?
Sire, äußerst glänzend, und ich hoffe, er wird unserem Land von Nutzen sein.
Ist ihr Volk zufrieden?
Es hegt große Hoffnungen.
Herr Goethe, Sie sollten hier die ganze Zeit bleiben und die Eindrücke niederschreiben, die Sie von dem großen Schauspiel das wir Ihnen geben, gewinnen.
Ah! Sire, es bedürfte der Feder irgendeines Schriftstellers des Altertums, um eine solche Arbeit zu unternehmen.
Gehören Sie zu den Verehrern des Tacitus?
Ja, Sire, ich liebe ihn sehr.
Nun, ich nicht, aber darüber sprechen ein andermal. Schreiben Sie Herrn Wieland, er möchte hierherkommen. Ich werde ihm seinen Besuch in Weimar erwidern, wohin mich der Herzog eingeladen hat. Ich würde mich sehr freuen, die Herzogin zu sehen; sie ist eine Frau von großem Verdienst. Der Herzog hat sich eine Zeit lang ziemlich schlecht betragen, aber er ist dafür bestraft worden.
Sire, wenn er sich schlecht benommen hat, so war doch die Strafe etwas hart - aber ich bin nicht Richter über solche Dinge. Er beschützt die Künste und Wissenschaften, und wir können alle nur lobendes von ihm sagen.
Herr Goethe, gehen Sie heute in "Iphigenie". Es ist ein gutes Stück, wenn auch nicht eins von denen, die ich am meisten liebe, aber die Franzosen schätzen es außerordentlich. Im Parterre werden Sie eine hübsche Anzahl Souveräne finden. Kennen Sie den Fürst-Primas?
Ja, Sire, ich kenne ihn beinahe als intimen Freund; er besitzt großen Geist, viel Kenntnisse und viel Edelmut.
Gut. Sie werden ihn heute Abend auf der Schulter des Königs von Württemberg schlafen sehen. Haben Sie schon den Kaiser von Russland gesehen?
Nein, Sire, niemals, aber ich hoffe ihm vorgestellt zu werden.
Er spricht vorzüglich Ihre Sprache; wenn Sie etwas über die Zusammenkunft in Erfurt schreiben, müssen Sie es ihm dedizieren.
Sire, das ist nicht meine Gewohnheit. Als ich anfing zu schreiben, machte ich es mir zum Grundsatz, niemals etwas zu dedizieren, damit ich nie etwas zu bereuen hätte.
Die großen Schriftsteller aus dem Zeitalter Ludwigs IVX. waren anders.
Das ist wahr, Sire, aber Eure Majestät wissen nicht, ob sie niemals bereut haben.
Was ist aus diesem schlechten Kerl, dem Kotzebue, geworden?
Sire, man sagt, er sei in Sibirien und Eure Majestät würden vom Kaiser Alexander seine Freilassung erbitten.
Aber wissen Sie auch, dass er durchaus nicht mein Mann ist?
Sire, er ist sehr unglücklich und hat sehr viel Talent?
Adieu, Herr Goethe.
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Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Artikel "Mit freiem Volk auf freiem Grund. Napoleon und die Eigentumsfrage: Wie Goethe in den letzten beiden Akten des "Faust" die französische Julirevolution verarbeitet", den Friedrich Dieckmann in der "Welt" vom 4. April 2006 auf S.29 veröffentlichte. |